Dienstag, 23. Juli 2019

"Die Töchter von Ilian" von Jenny-Mai Nuyen

Quelle: Goodreads.com
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Mit freundlicher Unterstützung vom Fischer-Verlag, von dem ich das Buch bekommen habe.

Dieses Buch hinterlässt mich irgendwie etwas rätselnd. Ich kann euch nicht genau sagen, wie ich mich fühle. Irgendwie ein bisschen leer. Ich versuche mal es euch zu beschreiben....

Zur Vorgeschichte muss man sagen, dass ich mich total gefreut habe..... O MEIN GOTT..... Endlich ein neues Buch von Jenny-Mai Nuyen, wie habe ich ihre Jugendbücher gemocht. Gerade weil sie eben auch nicht immer das lang ersehnte Happy End brachten, sondern einen echt auch am Ende mal hängen gelassen haben. Lesen ließen die sich super, also her damit.
Außerdem hatten wir die Autorin auch mal live und in Farbe bei uns in der Bibliothek. Und sie war echt toll.... Also hier so eine kleine Fan-Sache am laufen...
Jetzt kommt der erste High-Fantasy-Roman von ihr..... uuuuuu spannend. Und dann kommt das gute Stück per Post.... und es ist soooooo ein Wälzer.
Ich habe ewig gebraucht. Nach diversen Pausen, bin ich daher nicht so richtig sicher, wie ich das Buch bewerten soll. Denn ich war oft richtig raus, aus der Story. Trotzdem ist es mir immer wieder sehr leicht gefallen rein zu kommen..... Und da ist dann halt wieder die tolle Schreibweise von Jenny-Mai Nuyen der Grund. Es fiel einfach leicht sich alle Zusammenhänge zu merken. Trotz High-Fantasy schafft sie es, sich nicht in hunderttausend Charakteren zu verlieren. Zumindest fühlt es sich nicht so an. Ich weiß bei 95% noch genau wer sie waren, wohin sie gehören und wie ihr Werdegang war.... und das muss man als Autor erstmal schaffen. Außerdem konnte ich mir gefühlt zum ersten mal bei einem Fantasybuch merken, wie die Karte aussieht..... weil sie sehr einfach gehalten ist. Nicht das man das unbedingt braucht, es gibt ja die Karte vorne, aber trotzdem ist mir das positiv aufgefallen.


Die Hauptcharaktere sind extrem vielschichtig. So wie man sich das bei einem High-Fantasy-Roman halt vorstellt. Sie wandeln sich... auch nicht grundsätzlich positiv.... und, was mir sehr wichtig ist, man konnte die Story nicht vorhersehen.

Allerdings habe ich trotzdem das Gefühl, das am Ende ein wenig die Zeit verloren ging. Und auch wenn ich total begeistert bin, dass dieses Buch ein Einteiler ist (danke nochmal dafür), hat man das am Ende echt ein bisschen gemerkt.

Das Buch hat einige große Besonderheiten, die ich so auch noch nicht so oft in einem Buch gefunden habe... manche sogar noch nie:
Zwerge sind hier genauso groß wie Elfen und Menschen. Zumindest unterscheiden sie sich physikalisch nicht besonders von den anderen Rassen.
Die Zwerge sind die mächtigste Rasse in dieser Welt..... auch neu, finde ich.
Und, die beiden Hauptcharaktere, aus deren Sichtweise Jenny-Mai-Nuyen abwechselnd schreibt, sind was ihre Sexualität bzw. sexuelle Neigung angeht auch nicht Standard.

Eigentlich kein SPOILER ANFANG, weil es am Anfang der Geschichte schon vorkommt aber trotzdem.... wer sich diese Spannung nicht nehmen lassen will..... schaut jetzt kurz weg.
Walgreta, die Zwergin, verliebt sich erst in Fayanu, der ist ein Mann, gefangen in einem Frauenkörper und dann in ihren zukünftigen Mann.... Bin etwas verwirrt was das dann für sie heißt. Aber wahrscheinlich ist sie Heterosexuell.... Ist mir gerade erst aufgegangen, dass das doch relativ normal ist. Sie hat auch Sex mit beiden. Für Fayanu bringt seine Situation allerdings alle Probleme mit sich, die er/sie so haben kann. Von Vergewaltigungen über Misshandlungen, etc. Und das dann als Mann im Frauenkörper.... ich will nicht sagen "noch" schlimmer aber ich glaube ihr wisst was ich meine.... Irgendwie doppelt missbraucht dann.....
SPOILER ENDE

Mein Lieblingscharakter ist allerdings Rhiannon.... Er ist ein Mensch und mausert sich zum Chef eines Reiterclans. Fragt nicht wie. Regeln sind überbewertet..... Und er ist genauso, wie man sich ihn vorstellt..... Auch wenn ich finde, dass er keine große Charakterentwicklung durchmacht, weil er schon sehr genau weiß was er will, hat er mich doch sehr berührt. So wie er Walgreta unterstützt, gegen seine Stammestraditionen und damit zum Teil auch gegen seine eigenen Leute..... fand ich einfach schön.
SPOILER ANFANG
Allerdings weiß ich jetzt nicht, ob das daran liegt, dass er unter einem Liebeszauber liegt oder nicht. Bin mir immer noch nicht sicher, ob ich glauben soll, dass er sie nur deshalb liebt..... Scheinbar glaub ichs einfach nicht ;)
SPOILER ENDE


Naja, wer High-Fantasy gerne liest, und für neue Sichtweisen offen ist, der kann sich das Buch wirklich mal zu Gemüte führen. Ob Männer so tief in die weibliche Seele abtauchen wollen, weiß ich nicht.... Manchmal finde ich das schon ein bisschen harten Tobak, besonders wenn es um Fayanu (ich weiß, eigentlich ein Mann..... aber er hat Frauenprobleme) geht. Hier tun sich doch einige Abgründe auf.... Wer auf ein Happy End steht.... kann dieses Buch nur bedingt lesen. Wer die komplette rosa Färbung möchte, lässt besser die Finger davon. Es ist halt ein relativ typischer Nuyen, sie hat das schon öfter gemacht.... Es ist irgendwie halboffen, das Ende..... Man kann sich vielleicht noch das Traumende denken, wenn man will. ;)

Grundsätzlich fand ich das Buch gut. Die Charaktere sind sehr tief und vielschichtig beschrieben. Fayanu hat mich persönlich einfach nicht richtig mitgenommen. Und das ist eigentlich die große Tragik für mich, denn das ist der interessanteste Charakter. Aber in dem Moment wo er alleine unterwegs ist, hat er mich irgendwie verlassen..... Zumindest nach dem ersten Unglück, das hat mich selbstverständlich noch richtig mitgenommen....
Walgretas Entwicklung gegen Ende ist auch ein wenig komisch..... Hach, das ist so schwierig zu erklären....
SPOILER ANFANG
Ihre Handlungen werden so verdammt agressiv und rücksichtslos, aber das kommt alles einfach nicht richtig rüber. Der Schock über ihre Taten, den man spüren müsste, der war einfach nicht wirklich da....
SPOILER ENDE
Für so zwei tolle Charaktere, die mit einer super Mission starten.... geht so viel in die falsche Richtung.....

Aber eins kann ich euch sagen, wenn ihr jemanden trefft, der dieses Buch auch gelesen hat.... ihr werdet Stoff für gefühlt jahrelange Diskussionen haben. :) Und das meine ich sehr positiv!
Also final, Daumen hoch für Jenny-Mai-Nuyen, die sich mit diesem Buch auf ein Neuland gewagt hat und es auch schafft das ganze glaubhaft rüber zubringen und die Story durch zuziehen. Ich habe ein bisschen Probleme gegen Ende... aber für den ersten Roman in dieser Form, top. Vielen Dank. 💕

#fischerleseclub #fischerverlag #jennymainuyen #fischertor

Donnerstag, 4. Juli 2019

"Davor und Danach - Überleben ist nicht genug" von Nicky Singer

Quelle: Goodreads
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Dieses Buch hat es nach langer Flaute geschafft mich so zu fesseln und mitzunehmen, dass ich hier und jetzt diese Rezension schreiben muss, während ich noch zu ende weine.
Was für eine Geschichte!
Jetzt muss ich wirklich schauen, dass ich nicht zuviel verrate.

Mittlerweile müssten ja alle gemerkt haben, dass ich ein Fabel für düstere Geschichten habe. Bei mir muss nicht alles rosig sein. Eigentlich ist es mir meistens sogar lieber, ich kann mitleiden. (Aber, auch ich brauch ab und zu meinen rosa-roten Herzschmerz ;P ). Aber zurück zum Thema. Leiden ist hier angesagt. Bitte verzeiht, wenn ich den Anfang nur noch grob auf die Reihe bekomme...

In diesem Buch haben wir den Salat..... also so wirklich. Klimawandel.... die Erde ist furchtbar heiß, gefühlt die ganze südliche Weltkugel ist auf der Flucht in den Norden. Der Norden macht alles dicht. Und was das bedeutet wird uns durch Mhairis Reise klar gemacht. Eigentlich schottische Bürgerin, hat Mhairi (noch 14 Jahre) die letzten 7 Jahre ihres Lebens im Sudan verbracht. Ihre Mutter hat dort geholfen Solaranlagen zu installieren und somit dem Land geholfen zu einem wichtigen Energielieferanten zu werden. Das interessiert allerdings keinen mehr, als die politische Situation kippt. Das Land zu gefährlich wird und sich die Familie zur Ausreise aufmacht. Diese Reise eskaliert zu einer Flucht auf der Mhairi alles verliert.....
Die Geschichte startet als Mhairi bereits auf der britischen Insel und auf dem Weg nach Schottland ist. Über die Vergangenheit berichtet Mhairi in ihrem inneren Monolog, den sie konsequent führt, nur bruchstückhaft. Immer wieder spinnt sie die Gedanken, daran was passiert ist, nicht weiter, sondern wir landen in ihrer FESTUNG. Bzw. vor den Toren der selbigen. Immer wieder gelingt uns ein weiterer Blick hinter die Mauer. Und was wir da finden ist es definitiv wert weggesperrt zu werden.
Man ahnt immer mehr, was ihr alles passiert ist, und versteht immer mehr, warum sie handelt wie sie handelt, sie resigniert, wenn sie resigniert, sie ausrastet, wenn sie ausrastet.
Von alldem erzählt sie niemandem. Auch nicht in den Auffanglagern, in denen sie landet, in denen sie nicht besser behandelt wird, als alle anderen Flüchtlinge, wie ein Bettler, in denen ihr sowieso keiner zuhört. Sie konzentriert sich auf ihr Ziel, die Insel Arran, das Haus ihrer Großmutter, überleben bis dahin. Flucht, weil sie nicht vertraut....

Die Geschichte versucht zu beschreiben, was mit einem selbst passiert, wenn einem Sachen passieren. Wie ungerecht die Welt werden kann, wenn alle nur noch an ihr eigenes Wohl denken. Wie schnell Gerechtigkeit eine Sache der persönlichen Auslegung wird. Und wie schnell unser "schönes Leben" wie ein Kartenhaus zerfallen kann.
Gutes widerfährt dem, der Gutes tut..... funktioniert nur so lange, bis das Gute auf Menschen trifft, die nicht mehr an das Gute glauben....

Nicky Singer schreibt göttlich. Und ich meine das so, wie ich das sage. Ich habe mich das ganze Buch über in Mhairis Kopf befunden. Habe jede Rückblende, jeden Schlag mitempfunden. Habe die Festung mit ausgebaut und das schottische Wetter gefühlt. War abgestumpft und ziellos.... Kurzum, sie hat mich absolut mitgenommen.
Für mich war dieses Buch ein Erlebnis. Es hat meine Seele berührt und für mich war das alles absolut authentisch.
Dieses Buch kann einen fesseln und reist einen mit in einen Abgrund. Wer ein Happy End braucht, der sollte das hier nicht lesen. Wer auch mal gerne leidet, der wird es lieben. Es ist ein Buch, das kritisiert und mit unserer Moral spielt, ohne dass man den Zeigefinger zu spüren bekommt.
Vielen Dank für dieses Buch. Es hat meine Seele bewegt und meinen Lesehunger wieder angefacht.

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